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Wenn man Dinge findet, nach denen man nicht gesucht hat

Summary:

Die drei Cousins Constantin, Amalia und Emile sind für eine Sache bekannt: Ihren unerschütterlichen Zusammenhalt. Gegen die Intrigen des Hofes, gegen unliebsame Anwandlungen ihrer Vormünder und gegen jeden, der einem von ihnen zu schaden versucht. Kurt, ihr einstiger Waffenmeister, hat oft genug erlebt, wie sie einander verteidigt, in Schutz genommen oder aus Schwierigkeiten herausgeholt haben. Als sie nun auf die Insel Teer Fradee geschickt werden, um ein Heilmittel gegen den Malichor zu finden, dessen Griff um den Kontinent immer enger wird, werden ihre Fähigkeiten auf die Probe gestellt und Dinge, die sie für selbstverständlich hielten, entpuppen sich als Trugbilder. Es zeigt sich, dass selbst jahrelanger, teurer Unterricht einen nicht auf das vorbereiten kann, was sie auf dieser Insel finden.

Notes:

For an english version please follow this link.

Chapter 1: Auftakt: Kurt – Die drei Grünschnäbel

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Vor vier Jahren

Der Hauptmann hob seinen Humpen an die Lippen, ehe er noch einen kräftigen Schluck nahm und versuchte, die lauter werdenden Stimmen in einer anderen Ecke der Taverne hinter sich zu ignorieren. Er bekam nur selten frei – und endlich war die Taverne der Garde wieder eröffnet worden. Kurt erhielt nicht oft die Gelegenheit, seine Kameraden zu sehen. Nach all den Jahren, die er bereits im Palast und somit weder an der Front noch in der Garnison seinen Dienst versah, war der Abstand inzwischen spürbar. Dennoch kam er hierher – er war nach wie vor Teil der Garde und solange sich Kameraden fanden, die mit ihm etwas tranken und spielten, war es ihm genug.

„Und du willst wirklich nicht dazwischen gehen?”, erkundigte Radolf sich. Er war ein paar Jahre jünger als Kurt, aber schon lange nicht mehr grün hinter den Ohren. Im Gegensatz zu jenen beiden, die Kurt versuchte, zu überhören. Nach wie vor wussten sie nicht, wann es genug war. Dabei waren sie erwachsen. Zumindest theoretisch.

„Er hat frei. Sollen sie doch”, entgegnete Irmgard. Sie war ungefähr ein halbes dutzend Jahre älter als Kurt und gehörte zu jenen, die sich nicht distanzierten, nur weil seine Aufgaben beinhalteten, Tag und Nacht hinter den drei adligen Cousins aus dem Palast herzumarschieren. Wenn er sie nicht gerade selbst an Waffen unterwies.

Genau jene drei Adlige, Amalia, Constantin und Emile, waren vor etwa einer Stunde in die Taverne gekommen. Möglich, dass sie sogar die Erlaubnis erhalten hatten, hierher zu kommen. Doch in Anbetracht ihrer Kleidung – die immer noch teuer aussah, aber einfacher als das war, was sie sonst trugen und der Abwesenheit einer Leichwache, tippte Kurt auf Zweiteres. Ebenso wie er ziemlich sicher war, dass Constantin und Amal ihren noch knapp minderjährigen Vetter überredet hatten, mitzukommen. Als der Soldat die drei vor fast acht Jahren kennengelernt hatte, war ihm die stille Natur von Emile sehr rasch aufgefallen. Und dass dieser damals bereits mit seinen elf Jahren manchmal wie ein Fünfzigjähriger geklungen hatte. Wenigstens war er nicht angegangen worden. Grünblut – wie Kurt ihn nannte – war von Kindesbeinen an aufgrund eines merkwürdigen, grünlichen Mals an seinem linken Unterkiefer öfter das Ziel von Spott geworden. Es begann knapp unter dem Ohr, lief den Kiefer hinab und erstreckte sich fast bis zum Kinn. Einige Ausläufer davon reichten auf die Wange, andere hinunter auf den Hals. Heute versteckte er es hinter dem hohen Kragen eines Mantels, das hatte der Söldner beim Eintreten gesehen.

Der Gardist musterte weiterhin seine Karten, ehe er sich entschloss, das niedrigste Bild zu spielen, immer noch in dem Versuch, die anschwellenden Stimmen in seinem Rücken zu ignorieren. Schließlich taten die drei es ihm gleich – wobei er davon ausging, dass seine Schüler ihn schlichtweg nicht gesehen hatten. Wahrscheinlich rechneten sie gar nicht damit, dass er hier war. Vielleicht wäre es seine Aufgabe, die drei zurück in den Palast zu bringen, doch nachdem er wochenlang mit ihnen zu Gast auf dem Landgut der de Portaus gewesen war, hatte er dringend einen freien Abend gebraucht. Was nur so halb funktionierte, wenn man bedachte, dass seine drei Schützlinge, für deren Sicherheit ihm die Verantwortung im Dienst oblag, ebenfalls hier waren.

„Du willst also wirklich bei deiner Behauptung bleiben?”, hörte er Amals Stimme nachhaken. Sie war vor ein paar Wochen zwanzig geworden und damit theoretisch nach den Gesetzen der Kongregation der Händler volljährig. Praktisch ging ihr Temperament fast ebenso häufig mit ihr durch wie mit zwölf. Obwohl der Soldat inzwischen den Eindruck gewonnen hatte, dass sie es sich erlaubte, so zu sein. Sie konnte sich zügeln, wenn sie nur wollte. Doch es hatte den Anschein, dass das so gut wie nie der Fall war.

„Was? Braucht er ein Mädel um sich zu verteidigen?”, erwiderte eine tiefe Stimme. Der Söldner wusste auch ohne sich umzudrehen, dass sie zu einem vierschrötigen Kerl gehörte, dessen Schultern fast doppelt so breit wie jene von Amal waren. Der Gardist hatte kurz einen Blick in ihre Richtung geworfen, als er mitbekommen hatte, dass jemand Constantin eine abfällige Bemerkung an den Kopf geworfen hatte, doch seine Verwandten waren ihm sofort zur Hilfe geeilt. Wobei Emile zunehmend stiller geworden war – Amals und sein Verhandlungsstil passten selten zueinander.

„Braucht er nicht – aber ich hasse es nun Mal, wenn andere auf ihm herumhacken”, erwiderte sie, wobei sie nicht im Mindesten eingeschüchtert klang. Was Kurt nicht verwunderte – mit Ausnahme von Constantins Eltern schien niemand diese Wirkung auf sie zu haben und selbst ihnen bot sie oft genug die Stirn. Und nicht selten bei Gelegenheiten, bei denen sogar der Soldat es für klüger hielt, es nicht zu tun. Sobald der Prinz und seine Gemahlin herausfanden, wo die drei sich heute Abend aufhielten, würde es wieder zu so einer Situation kommen, da war er ziemlich sicher.

„Er muss gut im Bett sein”, gab der Kerl zurück.

Dieses Mal brachte seine Aussage den Söldner dazu, den Kopf leicht zu drehen, um besser hören zu können. Doch noch schaute er nicht zu ihnen hinüber. Den dreien war in der Vergangenheit bereits öfter unterstellt worden, miteinander zu schlafen. Kurt wusste, dass an den Gerüchten nichts dran war. Jene, die so etwas behaupteten, verstanden die Verbindung der drei einfach nicht. Zudem war der Gardist ziemlich sicher, dass der Mann nicht wusste, mit wem er es zu tun hatte, noch, dass die drei miteinander verwandt waren.

„Wirklich, meine Freunde…”, versuchte Constantin die Situation zu entschärfen, doch seine Cousine unterbrach ihn.

„Wollen wir beide das vielleicht draußen klären?”, schlug sie vor, wobei sie klang, als würde sie ihrem Gegenüber den Weg erklären.

„Ouh, das könnte interessant werden”, meinte Irmgard und Kurt warf ihr einen Blick zu, doch sie schaute über seine Schulter in Richtung der Grünschnäbel. Der Soldat legte sein Blatt verdeckt auf den Tisch, ehe er sich ebenfalls auf seinem Stuhl umwandte.

Der Kerl, der zuerst Constantin als ungeschickten Hänfling beschimpft und mit dem Amal daraufhin Streit angefangen hatte, hatte sich inzwischen erhoben und ragte vor ihr auf. Er war fast anderthalb Köpfe größer als sie, so dass die junge Frau den Kopf ein wenig in den Nacken legen musste, um ihn anzusehen. Auf ihren Lippen lag ein leichtes Lächeln. Sie nahm das Ganze nach wie vor nicht ernst.

„Ich meine – es könnte sein, dass du alleine wieder rein kommst”, fügte sie an und grinste ihr Gegenüber an.

Dieser stutzte einen Moment. Vermutlich brauchte er einen Augenblick, um zu begreifen, dass die Adlige gerade eingestanden hatte, dass ihre Chancen gegen ihn nicht sonderlich gut standen. Was bedeutete, dass sie nach wie vor nicht aus dem Schneider war. Erst musste der Kerl begreifen, dass sie klein beigegeben hatte.

Doch Amal setzte noch einen drauf, als sie sich umwandte und quer durch den inzwischen fast stillen Schankraum rief: „Wirt! Eine Runde für alle und eine doppelte für meine neuen Freunde hier!”

Darauf erklangen begeisterte Rufe aus allen Ecken und der vierschrötige Mann ihr gegenüber schien endlich zu begreifen, dass sie sich gerade entschuldigte. Kurt neigte leicht den Kopf. Vielleicht wurde sie doch so etwas wie erwachsen. Er wollte sich gerade wieder umdrehen, als er sah, wie der Kerl ausholte und seine Hand mit einem deftigen Klaps auf Amalias Hintern landen ließ.

„Ha! Die Kleine gefällt mir!”, ließ er laut bellend vernehmen.

Die junge Frau hingegen fror für einen Moment in den Bewegungen ein. Kurt wusste, dass sie kein Kind von Unschuld war. Ihre Affären waren am Hof bekannt und selbst wenn er nicht darüber davon erfahren hätte, so hatte Amal sich doch auch in den Trainingspausen nicht damit zurückgehalten, offen mit ihren Vettern darüber zu sprechen, wen sie gerade im Visier hatte, wer um sie warb oder wen sie gerade ‘erobert hatte’, wie sie es nannte. Und trotzdem war ihm diese Geste einen Moment lang zu viel. Obwohl es nicht seine Sache war, wer sie wie betrachtete. Solange dabei niemand ernsthaft handgreiflich wurde.

So rasch wie Amal innegehalten hatte, so schnell kehrte das Lächeln auf ihre Lippen zurück, doch dieses Mal war es berechnend, als sie langsam den Kopf schüttelte und sich wieder zu dem Kerl umwandte, der sie immer noch herausfordernd musterte – wenn auch inzwischen auf eine ganz andere Art. Dabei war er vermutlich gute zehn Jahre älter als sie. Kurt hatte nie verstanden, wie Leute bei diesem Altersabstand glauben konnten, dass jemand so viel Jüngeres etwas in ihnen sah.

„So lernst du also Frauen kennen?”, fragte sie mit weicher Stimme, während sie mit ihrer Rechten nach seiner Linken griff und ihre andere Hand auf seine Wange legte, nur um sie hinunter zu seinem Hals wandern zu lassen und noch einen Schritt auf ihn zuzugehen.

„Funktioniert doch ganz gut”, gab der Kerl zurück und grinste selbstgefällig.

Einen Lidschlag lang dachte Kurt, dass sie diese Sache noch ganz anders entschärfen wollte, doch dann ließ sie ihre Finger am Ausschnitt der Tunika entlang auf die andere Schulter wandern und der Soldat erkannte, was sie als nächstes tun würde.

„Dann verrate ich dir ein Geheimnis”, fügte sie an, wobei sie sich auf die Zehenspitzen stellte. Ihr Gegenüber wandte leicht den Kopf zur Seite und brachte sein Ohr ihren Lippen entgegen. Amal nutzte seine Ablenkung aus, trat rasch zurück, verdrehte seinen Arm und übte Druck auf seine Schulter aus, wodurch sein Oberkörper zur Seite gedreht wurde und einen Lidschlag später mit der Tischplatte kollidierte, während sie seinen Arm weiterhin durch den Hebel kontrollierte.

„Es gibt genau zwei Frauen auf diesem Kontinent, die gerne so von Männern angesprochen werden”, fügte sie wesentlich lauter an, wobei sie sich leicht über ihr Opfer beugte: „Deine Schwester und deine Mutter!”

Der Mann schnaubte und seine Atmung beschleunigte sich.

„Uh… das hat sie nicht von dir, oder?”, erkundigte Irmgard sich bei Kurt.

„Den Griff – ja. Das andere – nein”, erwiderte Kurt nur. Ihm blieb nicht die Zeit, hinzuzufügen, dass Amalia bereits so dreist gewesen war, als er das Training der drei damals übernommen hatte, denn in diesem Moment meldete sich Grünschnabel Nummer zwei zu Wort: „Nun, es sollten eher drei sein, oder?”, erkundigte Constantin sich.

Natürlich. Hatte bisher vielleicht noch irgendwie die Chance bestanden, das ganze ruhig zu lösen, war jetzt die Möglichkeit vorbei. Normalerweise konnte Constantin sich aus Schwierigkeiten herausmanövrieren, doch trotzdem schaffte er es immer wieder, nicht zu erkennen, wann er diese Ausbildung in Diplomatie und was auch immer sie in ihren anderen Unterrichten lernten, einsetzen sollte und wann nicht. Kurt griff nach seinem Humpen und leerte ihn, ehe er ihn ohne über die Schulter zu sehen wieder auf den Tisch hinter sich stellte.

„Von wem sprichst du?”, hakte Amal nach und schaute zu ihrem Vetter.

„Seiner Großmutter. Irgendwoher muss seine Mutter das ja haben”, entgegnete dieser und lächelte, als hätte er gerade einen harmlosen Witz gemacht. Und dann brach das Chaos los.

Notes:

Hey!
GreedFall ist heute ein halbes Jahr alt, ich fand, das ist ein guter Grund, es mit einem Upload zu feiern :) Die Geschichte erscheint auf zwei Sprachen, wobei deutsch meine Muttersprache ist. Die Übersetzungen für Englisch nehme ich mit DeepL vor und mein guter Freund Kukolnyy lektoriert das dann. Alle weiteren Fehler, die sich in den Text einschleichen, gehen auf meine Kappe. Gebt mir Bescheid, wenn Ihr noch welche entdeckt.
Ansonsten: Eigentlich war als Haupt Pairing Vasco und ein männlicher de Sardet geplant. Dann dachte ich, ich spiele im zweiten Durchgang Mal eine weibliche de Sardet. Kurzum – Amalia hat alles umgeworfen. Also: Sorry, an all jene, die auf ein M/M Main Pairing gehofft haben. Nichtsdestotrotz kommt zu den beiden natürlich auch etwas. Die ersten fünf Kapitel stehen und ich werde sie wochenweise hochladen.
Last but not least: Ein großes Dankeschön an Kukolnyy für das Lektorat und natürlich dafür, dass ich jederzeit mit jeder Idee zu jeder Geschichte um die Ecke kommen kann und Kukolnyy immer interessiert ist und sich dazu Gedanken macht. Die Beiträge sind großartig und ich ziehe viel Kraft und Inspiration daraus. Ein weiteres Dankeschön geht an meine Freundin Aria, die sich alles, aber auch wirklich alles zu Kurt und den drei Cousins von mir hat erzählen lassen. Nur, um dann trotzdem auf deutsch mein Betaleser zu werden und sich alles noch Mal durchzulesen.
Danke Leute, diese Geschichte wäre ohne euch nicht, was sie ist und auch nicht das, was sie noch werden wird :)